2 Vereine – ein Ziel , gebündelte Hilfe

Betten für Kinderkrankenhaus verladen

Vereine „Notruf Ukraine – Polizisten helfen“ und „Aktion
Tschernobyl-Hilfe Hildesheim“ schicken Hilfstransport nach Lutsk

Aspenstedt (geg). 18 Helfer packten an dem eisigen Dezembertag mehrere
Stunden zu, als auf dem Lagergelände des Vereins „Notruf Ukraine –
Polizisten helfen“ am Rande Aspenstedts zwei 40-Tonner mit Hilfsgütern
für die Ukraine beladen wurden. Sie verstauten vor allem
Krankenhausbetten nebst den dazu gehörenden Matratzen und Schränken
sowie Rollstühle und medizinische Verbrauchsgüter.
Ziel der beiden Fahrzeuge ist allerdings keiner der Orte, die von dem
Verein seit Jahren angesteuert werden, sondern die Stadt Lutsk (216 000
Einwohner) in der nordwestlichen Ukraine. Auch wurde dieser Transport
nicht von dem aktiven Vorharzer Verein, sondern von der Aktion
Tschernobyl-Hilfe Hildesheim organisiert. „Es war mehr oder weniger
Zufall, dass unsere Vereine zusammen gekommen sind“, erinnert der
Osterwiecker Ulrich Scholle. Er berichtet, dass die Hildesheimer
dringend Krankenhausbetten benötigten und dabei in Kontakt mit seinem
Verein gekommen war, der genügend davon im Lager vorrätig hatte. Die
Vorsitzende Rita Limmroth sichtete daraufhin den Bestand, organisierte
den Transport und kam nun mit einigen ihrer Vereinsmitglieder nach
Aspenstedt, um bei der Verladung zu helfen.
Rita Limmroth ist seit 26 Jahren mit der Hilfe für Menschen aus den
Gebieten der ehemaligen Sowjetunion beschäftigt, die unmittelbar oder
mittelbar durch die Nuklearkatastrophe im Kernkraftwerk bei Tschernobyl
im Jahre 1986 erkrankt oder in Not geraten sind, 15 Jahre davon mit dem
Verein. Drei Jahre nach der Reaktorkatastrophe war Limmroth selbst das
erste Mal in Tschernobyl, auch in der Sperrzone. Dieser und die
folgenden Besuche und das erlebte Leid bei den vielen Betroffenen haben
sie geprägt und motiviert, zu helfen.
Die Aktion Tschernobyl-Hilfe unterstützt inzwischen rund 8.000 von der
Katastrophe betroffene Familien. Es werden aber nicht nur Pakete
hingeschafft, sondern auch Patenschaften vermittelt und Ferienkinder
nach Deutschland eingeladen. „Längst wissen wir genau, wo der Bedarf an
Hilfe groß ist“, sagt die engagierte Frau. Sie verweist auf die
Krankenhäuser, in denen schlimme Zustände herrschen. Es fehle an allem,
weiß sie von ihren Besuchen. An Behandlungen wie im westlichen Europa
sei nicht zu denken, und das drei Jahrzehnte nach dem Unglück und den
vielen schlimmen gesundheitlichen Folgen.
Deshalb habe man sich inzwischen auf die Ausstattung des
Kindergebietskrankenhauses in Lutsk konzentriert. Abteilung für
Abteilung solle nacheinander geholfen werden. Die Spenden sollen nicht
nach dem Gießkannenprinzip über die Ukraine verteilt werden, sondern der
Schaffung von gut ausgestatteten Stützpunkten wie dieser Einrichtung
dienen. Gut 20 Jahre hinkte die Medizin hinterher, bevor die Hilfe der
Hildesheimer einsetzte. Vieles habe sich seitdem verbessert, doch vieles
mehr läge noch im argen. Limmroth weiß, wovon sie spricht, war sie doch
oft genug vor Ort und hat mit eigenen Augen das Leid gesehen.
Bei einem der letzten Transporte packten selbst die Klinikärzte zu, als
es galt die dringend benötigten medizinischen Geräte zu sichern und die
schweren Zahnarztstühle, Ultraschall-, Beatmungs- und
Steriliserungsgeräte von der Ladefläche zu schieben. Als wenige Tage
später noch zwei Kleintransporter mit einem teuren Operationsmikroskop,
den passenden Hockern für die Chirurgen sowie Blutdruckmessgeräte,
Klemmen, Schutzbrillen Spritzen und Verbände für die Neurochirurgie der
Kinderklinik eintrafen, fehlten ihnen die Worte. „Genau erging es uns,
als wir sehen mussten, dass Chirurgen in der Orthopädie in Ermangelung
medizinischer Gerätschaften Werkzeuge für Operationen benutzen, die sie
im Baumarkt gekauft hatten – Bohrmaschine, Zangen und Seitenschneider,
die bei uns von Heimwerkern benutzt werden“, erzählt Rita Limmroth. Es
gebe kein brauchbares Röntgengerät, mit dem vorhandenen dauert die
Entwicklung der Bilder drei Stunden. Uralte und davon noch viel zu
wenige Bettgestelle, stehen in den tristen Krankenzimmern. Die Betten
haben keine verstellbaren Liegeflächen, so dass bei Kopf- und
Rückenoperationen Patienten durch veränderte Liegepositionen nicht
entlastet werden können. Deshalb sei es so wichtig, dass möglichst viele
solcher Betten nach Lutsk geschafft werden. Die Rollstühle, die vom
Steinke Gesundheits Center stammen und ebenfalls auf die lange Reise
geschickt wurden, sollen Familien mit spastisch gelähmten Kindern bekommen.
Ärzte des Kinderkrankenhauses bekräftigten, dass sie ohne die
Unterstützung der Aktion Tschernobyl-Hilfe Hildesheim fast keine
Möglichkeit hätten, Kinder so zu behandeln, wie es notwendig wäre. Auf
der Intensivstation sollten schwerkranken Kindern bis vor wenigen Jahren
nur Bilder von Heiligen helfen.
Längst nehmen Patienten eine weite Anreise in Kauf. Für sie und ihre
Familien ist das mit erheblichem Aufwand verbunden. Denn auf den meist
völlig kaputten Straßen sind sie für 150 Kilometer mehrere Stunden
unterwegs. Neben der Anreise muss die Behandlung bezahlt werden, ebenso
jedes einzelne Medikament. Krankenversicherungen gibt es in der Ukraine
nicht.
Als das Operationsmikroskop und ein neuer medizinischer Bohrer erstmals
zum Einsatz kamen, war Rita Limmroth vor Ort und dokumentierte die
schwierige Operation. Dazu waren extra Professoren aus Kiew angereist,
welche die Kinderärzte unterstützten und selbst zum ersten Mal mit solch
hochwertigen Geräten operieren konnten.
„Wir lassen nichts unversucht“, unterstreicht Rita Limmroth, „ich
spreche Firmen direkt an wegen ganz bestimmter dringend benötigter
Geräte und habe auf diese Weise schon viel bekommen.“
„Viele reden nur, wir helfen“, wirft Ulrich Scholle ein, „das haben
unsere Vereine gemeinsam.“ Deshalb werde es auch künftig eine
Zusammenarbeit geben, versichert er.
Der Vereinsvorsitzende erinnert daran, dass das Lager in der
Halberstädter Taubenstraße aufgelöst worden ist und sich das
Vereinsdomizil jetzt in Aspenstedt Hinter dem Dorfe 170 befindet. Nicht
nur hier stehen Container für Kleiderspenden, sondern auch noch in der
Taubenstraße und an anderen Orten in der Region. „Bei größeren Spenden
ab 15 Säcke kommen wir vorbei und holen wir sie ab“, sagt er und
verweist auf die Telefonnummer 0157 85242808.
Weil es in den Hallen und auf dem Gelände während der Verladung sehr
kalt ist, müssen sich die ehrenamtlichen Helfer regelmäßig in einem
kleinen beheizten Raum aufwärmen. Dort spendierte
Sanitätshaus-Geschäftsführer Roland Steinke allen ein kräftiges Frühstück.

Zwei 40-Tonner werden mit Hilfsgütern beladen. Darüber freut sich vor
allem Rita Limmroth, die in Ulrich Scholle (rechts) und Roland Steinke
Partner für ihre humanitären Aktionen gefunden hat. Foto: Gerald Eggert

Gerald Eggert
Journalist
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